Freispruch II

Weiter gehts!

In diesem Fall ging es um folgendes:

Dem Mandanten wurde gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, weil er mit zusammen mit seinem Sohn den neuen Lebensgefährten seiner Ex-Frau und Mutter seiner drei Kinder geschlagen haben soll. Genauer gesagt: Der Junge soll den Mann aus der Wohnung gelockt haben unter dem Vorwand, sein Vater wolle den bestehenden Streit nunmehr beilegen, wobei sich der Vater vor der Hauseingangstür versteckt haben und den Ahnunglosen überrascht und geschlagen haben soll.

Die Krux an der Sache: Mandant war 1.) einschlägig vorbestraft, 2.) in der Instanz vorm Amtsgericht nicht verteidigt und 3.) hatte das Opfer trotz des unstreitig nur einen Schlages eine erhebliche Verletzung am Auge erlitten. Der Mandant wurde zu 1 Jahr und ein paar zerquetschten Freiheitsstrafe OHNE BEWÄHRUNG verurteilt. Selbst die StA hatte eine Bewährung beantragt. Und es geht noch besser: Nach Schluss der Hauptverhandlung empfahl der Staatsanwalt dem Mandanten, in Berufung zu gehen.

Dies tat er und beauftragte dann mich. Ziel war es natürlich zunächst, die Bewährung hinzukriegen, ggfs. auch eine Verurteilung wegen „nur“ einfacher Körperverletzung. In der Berufungsinstanz wird nun nochmal die gesamte Beweisaufnahme neu durchgeführt, was unter Umständen auch mal zu Überraschungen führen kann. So auch hier:

Zunächst sagte der Junge aus, der jeden Eid schwor, der Geschädigte habe ein Messer mit aus der Wohnung genommen. Er habe es unter seiner Jacke versteckt. Als die beiden dann unten im Hausflur ankamen, rief er aus Angst um seinen Vater diesem zu „Papa Vorsicht, er hat ein Messer!“. Erst daraufhin soll der Vater zugeschlagen haben.

Dann sagte die Lebensgefährtin aus. Die setzte dem Ganzen noch eins drauf: Also zunächst einmal hatte sie große Sorge um Ihren Partner als der nach unten Ging. Dann aber sagte sie, ein Messer habe er nicht genommen, da sei sie sich ganz sicher, es war ja eigentlich nichts zu befürchten (HÄ?!). Dann sei sie ihrem Sohn und dem Partner auf Socken heimlich durchs Treppenhaus nach unten gefolgt, um zu sehen was und ob etwas passiert – weil ja auch alles friedlich und unproblematisch war. Als sie sah, dass ihr Freund attackiert wurde, rannte sie wieder nach oben und schaute aus dem Fenster nach unten. Dort sah ihren Partner blutend liegen, rief aber weder Polizei, noch Krankenwagen (OMG!). Alles in allem sehr plausibel.

Dann kam der Geschädigte ins Spiel: dieser saß derzeit in Haft und musste vorgeführt werden, das macht bei den Schöffen natürlich schon mal Eindruck. Der erzählte dann frei von der Leber, ja der Sohn rief dem Angeklagten zu „PAPA VORSICHT“ etc. Wenn ihm jemand so etwas zurufen würde in einer vergleichbaren Situation, hätte er auch ohne zu Zögern zugeschlagen. Ein Messer hatte er aber seiner Aussage nach nicht dabei.

Danke fürs Gespräch, der Angeklagte wurde dann Freigesprochen, weil er einem sogenannten Erlaubnistatbestandsirrtum unterlag, das heißt, weil er sich vorstellte, es läge eine Notwehrsituation vor (drohender Angriff mit einem Messer), bei deren tatsächlichen Vorliegen er gerechtfertigt gewesen wäre…jaja….die Juristen.

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